Ivory MacIntyre
Autorin /Author

Kelch der Portale

Leseprobe: Inklusive diverser Rechtschreib- und Grammatikfehler :-)


Es war erst acht Uhr am Morgen. Cole und Hedda hatten den ersten Zug nach Hanfield erwischt und Cole hatte am Bahnhof das getan, was er häufig zu tun pflegte, wenn er eine neue Stadt betrat – eine Zeitung gekauft.

»Erneut kam es in der Nacht vom 23. auf den 24. November zu einem Mord an einem jungen Mann (22). Wie schon in der Nacht zuvor, vom 22. auf den 23. November, ging der Täter ähnlich vor und verstümmelte das Opfer auf grausame Weise. Augenzeugen berichten, sie hätten in der Nähe des Tatortes eine teuflische Gestalt über die Dächer springen sehen. Die Zeugin Mary Turner sagte aus, sie habe gegen vier Uhr morgens eine Person gesehen, die aus dem Stand heraus auf den Glockenturm der St Helen Church gesprungen und dort verschwunden sei.

Parallelen zu dem mysteriösen Serienmörder “Spring-Heeled Jack“ werden gezogen und es stellt sich die Frage, ob es sich um die selbe Person handelt. Zeugen werden gebeten sich bei der Polizei zu melden.«

Cole faltete die Hanfielder Zeitung zusammen.

Da bin ich offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt her gekommen, dachte er sarkastisch. Aber die Bezeichnung Spring-Heeled Jack kam ihm diffus bekannt vor. Da hatte es tatsächlich Berichte gegeben, von denen die letzten von 1899 stammten. Wo war das noch gewesen? In Leicester, wenn er sich recht entsann. Damals hatte es zehn Morde in zehn Tagen gegeben und sie alle wurden nach einem ähnlichen Schema verübt. Doch das war nicht die einzige Mordserie, die man dem springenden Teufel anheftete. Es gab noch ältere Schilderungen, wovon Cole in einem Buch über bekannte Serienmörder gelesen hatte. In den Jahren 1837 und 1846 hatte es aufsehenerregende Morde in London und Portsmouth gegeben. Auch damals soll der Mörder über Dächer hinweg gesprungen sein und eine Art Teufelsmaske getragen haben.

Allerdings bezweifelte Cole, dass es sich um ein und die selbe Person handelte. Es lagen gut sechzig Jahre dazwischen und selbst wenn der Mörder damals mit zwanzig seinem grausamen Trieb erlegen war, so wäre er jetzt über achtzig. Dennoch waren die Schilderungen erschreckend ähnlich.

Sie standen in der Bahnhofshalle von Hanfield, wobei der Begriff „Halle“ ein wenig zu hoch gegriffen war. Es war ein Klinkerbau in eher zweckmäßiger Bauweise und ohne Türen, so dass man sich zwar bei Regen hinein stellen konnte aber bei einer nasskalten Witterung wie der jetzigen, fegte der Wind in kurzer Zeit durch den dicksten Mantel. Rechtes und links der offenen Halle lagen Geschäfte und Räumlichkeiten der Bahngesellschaft hinter Türen und Schaufenstern. Gaslaternen spendeten ein gelbes Licht und trotzten hinter ihren Glasscheiben dem kalten Wind.

Fröstelnd zog Cole den Kragen enger um den Hals und sah zu Hedda hinüber, die am schwarzen Bett stand, wo neben diversen Anzeigen und Meldungen auch ein Stadtplan aushing.

Eine Glasscheibe schützte das Papier vor der nassen Witterung, was zu ihrem Leid aber wenig erfolgreich gewesen war. Feuchtigkeit hatte sich auf der Innenseite niedergeschlagen und erschwerte das Lesen der Anzeigen.

»Kennen Sie den?«, fragte Cole und hielt Hedda den Artikel über den angeblichen Spring-Heeled Jack hin.

Die dunkelhäutige Frau schenkte der Zeitung aber keine Beachtung. Sie grummelte unzufrieden vor sich hin, da Feuchtigkeit auf der Innenseite der Scheibe das Lesen des Stadtplans erschwerte. Also wartete Cole mit seinem Anliegen, klemmte das Papier unter den Arm und rückte seine Umhängetasche zurecht. Zum Glück hatte er die noch aus seinen früheren Zeiten bei der Polizei. Damals hatte er darin Papiere und Utensilien zur Spurensicherung mit sich herum getragen. Nun waren es etwas Ersatzwäsche, Geld, sein kleines Werkzeugset und die Schusswaffe mit Munition. Der Koffer war ihm zu mühsam zu schleppen, solange seine Hände noch nicht vollständig genesen waren.

»Ich kann auf dem Plan gar nichts erkennen«, murrte Hedda und rüttelte am Glas, ob sie es vielleicht bewegen konnte.

»Ein Kutscher weiß, wo wir hin müssen«, schlug Cole vor, der das Suchen der Adresse als recht sinnlos erachtete. Sie könnten schon längst dort sein, anstatt hier im Kalten herum zu stehen.

»Ich weiß lieber, wo ich hin muss«, entgegnete Hedda. »Für den Fall, dass man zu Fuß gehen muss, ist es immer besser, wenn man sich auf der Karte die Straßen angesehen hat.«

Mochte sein und vielleicht würde Cole ihr zustimmen, wenn ihm nicht schon längst so kalt wäre. Er ließ sie aber machen und knetete ein wenig seine Hände. Dabei dachte er an Emily, die sich entschlossen hatte in Windchurch zu bleiben. Hoffentlich tauchte nicht ausgerechnet in Coles Abwesenheit der Säufer Victor auf. Seit er die Gesellschaft diverser Rumflaschen in verrauchten Kneipen aufgesucht hatte, war er nicht mehr zurück gekehrt.

Es war unwahrscheinlich, dass er alleine nach Kellan suchte. Früher oder später würde er bei Cole auftauchen, da war er sich sicher, weshalb er den Aufenthalt in Hanfield so kurz wie möglich halten wollte.

Er zog seine Taschenuhr hervor. Wenn alles gut lief, saß er heute Abend schon wieder im Zug oder der Kutsche.

»Hier«, meldete sich Hedda. »Das sind, hm, das ist vielleicht eine halbe Stunde zu Fuß.«

Es gab Dinge, die Cole nicht gerne tat, und dazu gehört es bei schlechtem Wetter durch Straßen zu laufen.

»Suchen wir uns eine Kutsche.«

Auch wenn der Bahnhof hier nicht sonderlich groß war, so schob sich auf dem Platz davor der Verkehr entlang, nur mit dem Unterschied, dass vergleichsweise wenige Fußgänger unterwegs waren.

»Hinfort!« Am großen, von einem Rundbogen geformten Eingang in die offene Halle tauchte ein Polizist auf, der grade im Begriff war, seinen Schlagstock zuzücken und jemanden bedrohte, der sich außerhalb des Sichtfeldes näherte. »Verschwinde, bevor ich dir Beine mache!«

Hedda und Cole gingen dem Mann entgegen und sahen den Grund des Angriffs – ein Bettler. Der arme Mann hatte wohl versucht in die Halle zu gehen, um sich dort ein trockenes Plätzchen zur Rast gesucht. Aber Bettler und Hausierer waren nirgendwo gerne gesehen und man vertrieb sie immer wieder von öffentlichen Plätzen und Räumlichkeiten. In Hanfield sah es die Stadt wohl als Notwendig an einen Polizisten am Bahnhof abzustellen, damit er ihn “sauber“ hielt.

Cole schüttelte innerlich den Kopf. Für so etwas bezahlte man einen Polizisten, anstatt den Obdachlosen eine Unterkunft zu bauen, wohin sie bei schlechtem Wetter fliehen konnten. Schließlich hatte sich kaum einer der armen Seelen ihr Schicksal ausgesucht. Sie alle waren irgendwie, durch irgendwelche Umstände in ihre prekäre Situation hinein gerutscht und nur die wenigsten schafften es aus eigener Kraft zurück. Aber anstatt ihnen zu helfen, versuchte man sie aus dem Stadtbild zu bekommen, damit die Bürger von dem Elend nicht weiter belästigt wurden.

Cole sah dem armen Bettler nach, der die Arme an sich presste und geduckt im leichten Regen davon eilte.

Zufrieden mit seiner erfüllten Aufgabe, nahm der Polizist wieder seinen Posten neben dem Eingang ein, wo er ein kleines, geschütztes Holzhäuschen zur Verfügung hatte.

In der Nähe parkte eine Dampfkutsche, deren verglaster Aufbau auch dem Maschinenführer einen trockenen Arbeitstag bescherte.

Durch das Sprachrohr nannte Cole die Adresse, dann nahm er mit Hedda in dem wunderbar warmen Innenraum Platz. Dampfkutschen waren schon eine feine Sache, außer im Sommer. Dann konnte man darin Eier braten.

Als die Kutche dampfend und quietschend anfuhr, holte Cole die Zeitung hervor, schlug die entsprechende Seite auf und hielt sie Hedda hin.

»Kennen Sie den?«, versuchte er erneut sein Glück.

Hedda warf nun einen Blick auf den Artikel und mit einem leichten Unbehagen sah sie flüchtig aus dem Fenster, als erwarte sie den springenden Teufel als böses Omen auf dem nächsten Hausdach.

Er war ihr also wohl bekannt.

»Ist das wichtig?«, fragte sie.


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